Kritik vom 8. Mai 2011
Weser-Kurier/ Die Norddeuetsche 11. Mai 2011
“Ventapane-Quartett” -
Romantische Quartettklänge aus Meisterhand
Einen nachhaltig beeindruckenden Konzertabend bereitete das Ventapane-Quartett
dem Publikum in der Warflether St.-Marien-Kirche (von Christian Pfeiff, Berne)
Herausragendes Konzertereignis
Ein herausragendes Konzertereignis bereitete Veranstalter Reinhard Rakow
den Freunden romantischer Kammermusik. Mit dem “Ventapane-Quartett”
konnte Rakow international renommierte Mitglieder des Oldenburgischen
Staatsorchesters gewinnen, in der Warflether St.-Marien-Kirche Werke von
Schubert und Mendelssohn Bartholdy zu intonieren. Gemäß dem
kunstmusikpädagogischen Anspruch, der als Teilelement ein Kennzeichen
einer jeden Konzertveranstaltung des Initiators der Berner Bücherwochen
ist, gab es denn auch für die Zuhörer neben ausführlichem Schriftmaterial
auch eine verbale Einführung in die zu rezipierenden Werke.
So erübrigt es sich, große Worte über die Kompositionen als solches zu
verlieren. “Die vorhandene Sekundärliteratur füllt bereits ganze
Bibliotheken”, bemerkte auch Rakow. Statt aus dieser zu schöpfen, ließ
Rakow nach kurzen, einführenden Worten lieber in Form rezitierter
Briefwechsel mit engen Vertrauten zur Entstehungszeit des jeweiligen
Werks die Komponisten selbst zu Wort kommen.
Musiker teilen dieselbe Vision
Nach fast zwei Jahrhunderten wechselhafter Rezeption überstanden indes
beide Werke den Zahn der Zeit und gelten zurecht als Meisterwerke, die im
Falle des “Ventapane-Quartetts” von Meisterhand erneut zum tönenden
Leben erweckt wurden. Was die vier Instrumentalisten an ihren musischen
Arbeitsgeräten leisten, grenzt an wirkliche Perfektion. In jedem Moment
ihres Spiels ist ihnen anzumerken, dass diese Vier dieselbe Vision teilen,
das Notenmaterial zum Klingen zu bringen: Jede dynamische Nuance, jede
Tempovariation, jedes der variierenden, wohlbemessenen Tremoli ertönt im
perfekten Synchronismus.
Emotion, Perfektion und laute Jubelrufe
Die dynamische Bandbreite ihrer Instrumente kosten “Ventapane” gänzlich
aus und zaubern hierdurch vor allem in den dramatischen Passagen beider
Werke ein für ein Streichquartett opulentes Klangbild in die
St.-Marien-Kirche, welches sie durch einfühlsam intonierte Passagen im
Pianissimo stets sicher zu kontrastieren wissen. Ist das Spiel auf der
Klaviatur menschlicher Emotionen – von himmelhochjauchzend bis zu Tode
betrübt – ohnehin ein wesentlicher Bestandteil empfindsamer
Kompositionen der Romantik, weiß das “Ventapanae-Quartett”, jede dieser
tongewordenen Emotionen spielerisch zur konzertanten Vollendung zu
führen.
Dies lässt sich während des Konzerts auch an Mimik und Gestik der
ausführenden Protagonisten ablesen: Anstatt das Notenmaterial mit bloßen
erlernten Techniken zu reproduzieren, erwecken die Violinisten Birgit
Rabbels und Lev Gelbard, Bratschist Christoph Rabbels und Cellist Andrè
Saad den Anschein, als würden sie ihre Töne mit jeder Faser ihrer Körper
selbst empfinden. Diese Symbiose aus einem Höchstmaß an spielerischer
Perfektion und Emotionalität überträgt sich auch auf die Zuhörerschaft,
welche das Quartett mit lauten Jubelrufen entlohnt.
NWZ 10. Mai 2011
Geigen peitschen und streicheln
„Ventapane“ geben Schubert und Mendelssohn in St. Marienkirche
Die Musiker legen einen umjubelten Auftritt hin.
Mit Herzblut begeistern sie ihr Publikum. (Warfleth/eb)
Noch aus der letzten Bank werden Köpfe gereckt um nur keinen
Bogenstrich zu verpassen, keinen Griffwechsel, kein Pizzicato. Selbst in den
Pausen zwischen den Sätzen hält die Spannung an, gibt es kaum ein
Rascheln.
Die vier Musiker von Ventapane aus der vordersten Reihe des
Staatsorchesters Oldenburg geben Schuberts Streichquartett d-Moll mit
solcher Wucht und Präzision, dass einem von den ersten Tönen an der Atem
stockt.
Schubert schrieb das Werk als 27-Jähriger mit dem Wissen um seine
unheilbare Erkrankung. Nach der im zweiten Satz verwendeten Liedmelodie
trägt es den Beinamen „Der Tod und das Mädchen“ und verweist so über
den Text von Matthias Claudius auf die existenzielle Frage, wie umzugehen
sei mit einem Tod, dem man ins Auge blicken kann.
Schuberts Antwort lautet, das machte die Ventapane-Interpretation klar:
Nicht mit willfähriger Ergebung, sondern aufrecht, mit Willen und Wut bis
zuletzt. Zorn und Aufbegehr, Traurig- und Fröhlichkeit, Hoffen und Bangen,
die jähen Auf- und Abschwünge vom himmelhohen Jauchzen zum tödlichen
Betrübtsein, all das teilt sich mit in zwingender Eindringlichkeit.
Die Vier spielen technisch makellos, sind perfekt aufeinander abgestimmt.
Lev Gelbard und Birgit Rabbels, Violinen, Christoph Rabbels, Viola, und
André Saad, Violoncello, verschenken ihr Herzblut im Spiel. Ihm widmen
sie sich in höchster Anspannung, sichtlich konzentriert, enerviert bis in die
letzte Faser.
Begonnen hatte das Maikonzert von „Berne bringt“ mit Mendelssohns
Streichquartett Opus 13, das ebenfalls durch Bezug auf ein Lied Inhalt
transportiert. „Ist es wahr?“ lautet die bange Liedfrage. In der
transzendierten Abstraktheit wortloser Instrumentalmusik aber weitet sie
sich forsch zu tätiger Zärtlichkeit. Stürmisch geht es zu, doch zum Schluss
ist es soweit: Die Geigen werben und schmeicheln, necken und streicheln –
ja, es ist wahr, und alle sind hin und weg.




Staatstheater Oldenburg